Bierbrot Kölner Art
Helles Weizenmischbrot, bei dem Bier die komplette Schüttflüssigkeit ersetzt — 86 % der Flüssigkeit sind Kölsch Wiess, aus dem zusätzlich ein Bier-Poolish gezogen wird. Dazu Biertreber für die malzig-würzige Tiefe und ganze Senfkörner für den Brauhauscharakter. Sehr weicher Teig, grobe Porung, bewusst kaum geformt.
Ergibt: 1 großes Brot (~1,15 kg) | Gesamtzeit: ~20 h (Arbeitszeit ~1 h) | Mehlmenge: 650 g | TA: 177
Komponenten
Bier-Poolish (12–14 h vorher)
| Zutat | Menge |
|---|---|
| Weizenmehl 1050 | 150 g |
| Bier (entgast, ~20 °C) | 150 g |
| Frischhefe | 0,5 g |
Glatt verrühren, abgedeckt 12–14 h bei ~20 °C reifen lassen. Reif: deutlich aufgegangen, gewölbt, blasig, beginnt gerade einzufallen. → poolish
0,5 g abmessen: 1 g Frischhefe in 10 g Wasser auflösen, davon 5 g nehmen.
Roggensauerteig (12–14 h vorher)
| Zutat | Menge |
|---|---|
| Roggenmehl 1150 | 70 g |
| Wasser (30 °C) | 70 g |
| Roggen-Anstellgut | 7 g |
Gut verrühren, abgedeckt 12–14 h bei Raumtemperatur reifen lassen.
Hier Wasser, kein Bier. Hopfensäuren hemmen über 14 h die Milchsäurebakterien — der Sauerteig ist die einzige Stelle, an die kein Bier gehört.
Senf-Quellstück (12–14 h vorher)
| Zutat | Menge |
|---|---|
| Gelbe Senfkörner, ganz | 20 g |
| Bier (entgast) | 30 g |
Abgedeckt bei Raumtemperatur stehen lassen. → quellstueck
Körner ganz lassen, nicht mahlen. Zerkleinerter Senf setzt mit Wasser antimikrobielle Isothiocyanate frei und bremst Hefe und Sauerteig. Braune Senfkörner sind schärfer → dann nur 12 g.
Biertreber (am Vorabend)
| Zutat | Menge |
|---|---|
| Biertreber (aufgetaut) | 150 g |
Auf >80 °C erhitzen (Amylasen deaktivieren), mittelgrob zerkleinern, 130 g abwiegen, flach ausgebreitet im Kühlschrank auskühlen lassen. → biertreber
Thermomix: 5 min / 90 °C / Stufe 2, dann 1–2× 8 s auf Stufe 5 — nicht feiner. Fein gemahlener Treber bindet zu viel Wasser und beschwert den Teig.
Hauptteig
| Zutat | Menge |
|---|---|
| Bier-Poolish (gesamt) | 300 g |
| Roggensauerteig (gesamt) | 147 g |
| Senf-Quellstück (gesamt) | 50 g |
| Weizenmehl 1050 | 250 g |
| Weizenmehl 550 | 150 g |
| Roggenmehl 1150 | 30 g |
| Bier (entgast, ~20 °C) | 235 g |
| Salz | 14 g |
| Biertreber (vorbereitet, kalt) | 130 g |
| Bier B (Bassinage) | 0–40 g |
Außerdem: 2× 0,33 l Kölsch Wiess naturtrüb (430 g werden gebraucht) · Mehl zum Arbeiten · Wasser zum Schwaden
Zubereitung
1. Hauptteig kneten
- Alle Zutaten außer Senf-Quellstück, Biertreber und Bier B in die Schüssel geben
- 4 min langsam, dann 6–8 min schnell kneten bis zur Glutenentwicklung → fenstertest
- Zieltemperatur Teig: 26–27 °C → thermomix-temperaturmanagement Fenstertest hier machen — nach den Einlagen ist er nicht mehr aussagekräftig
- Senf-Quellstück und Biertreber zugeben, 1–2 min langsam unterkneten — kurz, sonst leidet das Glutennetz
- Bier B schluckweise einarbeiten. Der Teig soll kleben und träge fließen, sich aber noch vom Rand lösen
Mixtopf nicht vorkühlen und Bier bei Raumtemperatur lassen — dieses Rezept will einen warmen Teig. Erst über 29 °C gegensteuern.
⚠️ Zurückhaltend dosieren und die Menge notieren → top-learnings. Beim ersten Backtag reichten 15 g — der Teig war vorher schon am Ziel.
2. Stockgare
- Dauer: 2,5–4 h bei 26–28 °C in geöltem Behälter, abgedeckt
- Stretch & Fold: nach 20, 40 und 60 min → stretch-and-fold
- Erkennungsmerkmal: Volumen +50–60 % ab dem letzten Falten — nach dem Volumen gehen, nicht nach der Uhr
- Messung: walnussgroßes Teigstück nach dem letzten Falten in ein schmales gerades Glas geben und markieren (Aliquot). In einer breiten Schüssel sind +50 % nur ~2 cm Höhe
3. Formen
Nicht teilen, nicht langwirken, kein Gärkörbchen.
- Teig als ein Stück auf gut bemehlte Arbeitsfläche stürzen
- Von allen 4 Seiten zur Mitte hin einfalten → es entsteht ein Rechteck
- Das Rechteck mit 2 Teigschabern auf Backpapier umdrehen, Schluss unten, Form möglichst erhalten
Mit nur einer Teigkarte reißt der weiche Teig beim Wenden — zweite Karte oder großer Tortenheber als Gegenstück → equipment-setup
4. Stückgare & Backen
- Stückgare: 1 h bei Raumtemperatur, abgedeckt
- Ofen mit Backstahl 45–60 min auf 250 °C vorheizen, unteres Drittel
- Vor dem Einschießen kreuzweise einschneiden
| Phase | Temperatur | Zeit | Dampf |
|---|---|---|---|
| Anbacken | 250 °C | 10 min | ja, kräftig → schwaden |
| Ausbacken | 210 °C | 45 min | nein |
| Finish | Türspalt | letzte 5 min | nein |
Kerntemperatur 96–98 °C. Bier bringt Restzucker mit — das Brot bräunt schneller als gewohnt, ab Minute 35 im Blick behalten und ggf. auf 200 °C reduzieren.
5. Auskühlen
Mindestens 2–3 h vor dem Anschneiden. → roggenbrote-auskuehlen
Zeitplan (Beispiel)
| Schritt | Uhrzeit |
|---|---|
| Biertreber in den Kühlschrank zum Auftauen | Vortag, morgens |
| Treber erhitzen + zerkleinern; Bier entgasen | Vortag, 20:00 |
| Poolish, Sauerteig + Senf-Quellstück ansetzen | Vortag, 21:00 |
| Vorstufen prüfen, Hauptteig kneten | Backtag, 09:15 |
| Stockgare + 3× S&F | 09:45–12:15 |
| Formen | 12:15 |
| Ofen anheizen | 12:30 |
| Stückgare | 12:15–13:30 |
| Backen | 13:30 |
| Fertig | ~14:25 |
| Anschnitt | ab 17:00 ✅ |
Notizen & Variationen
- Variante lange Führung: Hauptteig morgens kneten, Bier kalt aus dem Kühlschrank, Zieltemperatur 25–26 °C, zusätzlich 1 g Frischhefe. 1,5 h Raumtemperatur mit 2× S&F, dann 16–18 h Kühlschrank. Am Folgetag 1 h akklimatisieren, formen, 1 h Stückgare, backen wie oben. Mehr Aroma und Säure, etwas festere Krume.
- Poolish bleibt flach: Alkohol und Hopfensäuren bremsen die Hefe — beim ersten Backtag genau so passiert. Entweder 2–3 h länger reifen lassen oder 1 g Frischhefe in den Hauptteig geben — nicht beides. Vorbeugen: gleich mit 0,5 g Hefe im Poolish ansetzen.
- Bier zurückhaltender dosieren: beim ersten Versuch 300 g Bier + 115 g Wasser im Hauptteig, falls die Bittere aus Bier und Treber zu dominant werden könnte.
- Echtes Ruchmehl statt Weizen 1050 ist die größte Aufwertung — dann 35 g mehr Flüssigkeit → ruchmehl
- Kleineres Format: Teig nach der Stockgare halbieren und zwei Rechtecke falten (~750 g), Backzeit auf ~40 min reduzieren
- Bier: naturtrübes, unfiltriertes Kölsch Wiess. Kein IPA — Hopfen- und Treberbittere addieren sich
- Biertreber gibt beim Auftauen Wasser ab. Nicht abgießen, ist in der Rechnung enthalten
- Anstellgut-Bedarf ist mit 7 g minimal — ein Auffrischen vorab ist nicht nötig → anstellgut-auffrischen
Learnings
Erster Backtag 19.09.2026 → 2026-09-19-bierbrot-koelner-art
- Bier-Poolish mit 0,3 g Hefe reicht nicht. Nach 13 h bei ~20 °C nur vereinzelte Blasen, keine Verdopplung — Alkohol und Hopfensäuren bremsen stärker als erwartet. Beim nächsten Mal 0,5 g Hefe oder 16–18 h Reifezeit. Die Notlösung mit 1 g Frischhefe im Hauptteig funktioniert, verkürzt die Stockgare aber auf ~2 h 20.
- Fenstertest vor die Einlagen legen. Nach Treber und Senfkörnern zerschneiden die Partikel jeden Glutenfilm — der Test ist dann wertlos und verleitet zum Überkneten. Struktur danach nur noch über Stretch & Fold aufbauen.
- Volumen ab dem letzten Falten messen, nicht ab Stockgare-Start. Und +50–60 % ist kein Verdoppeln: in einer breiten Schüssel sind das nur ~2 cm Höhe. Aliquot-Glas verwenden — walnussgroßes Teigstück nach dem letzten Falten in ein schmales gerades Glas, Markierung drauf.
- Bassinage mit Bier statt Wasser. Hält konsequent durch, dass Bier die Schüttflüssigkeit ist. 15 g gingen rein, mehr brauchte der Teig nicht.
- Teigtemperatur erstmals im Ziel: 25,8 °C. Bier auf Raumtemperatur statt kalt, Mixtopf bewusst nicht vorgekühlt.
- Lieber einen Tick früher formen. Geformt bei ~2 h 20 Stockgare statt auf das volle Volumen zu warten — der Kreuzschnitt ging voll auf und bildete ausgeprägte Ohren. Ohne Gärkörbchen braucht das Rechteck Reststruktur, um die Stückgare freistehend zu überstehen.
- Krume gleichmäßig, saftig und elastisch, Trebersprenkel und Senfkörner sauber verteilt, Kruste kräftig. Porung mitteloffen, nicht grob — der Hebel dafür ist die Stockgare: sie lief wegen der Notfallhefe nur 2 h 20 statt 2,5–4 h. Mit reifem Poolish ohne Zusatzhefe und höher dosiertem Bier B wird die Krume offener.
- Die Pain-de-Campagne-Faltung trägt. Das Rechteck stand eine Stunde ohne Gärkörbchen und setzte sich dabei erwartungsgemäß in die Breite. Direkt nach dem Wenden wirkt es zu hoch — nicht flachdrücken.
Verknüpfungen
- Vorbild: Bierprôt von prôt, Köln — Weizenruchmehl, Roggenmehl, Treber, Wiess vom Fass, Senfkörner
- Formtechnik: pain-de-campagne
- Verwandte Rezepte: biertreberwurzeln, dat-ovend-brut
- Zutaten: biertreber, ruchmehl, weizen-1050, weizen-550, roggen-1150, frischhefe
- Techniken: poolish, quellstueck, stretch-and-fold, fenstertest, bassinage, schwaden
- Konzepte: thermomix-temperaturmanagement, roggenbrote-auskuehlen, equipment-setup